03.06.2015

Kommentar: HAW-Bachelor in Baden-Württemberg kann nicht gemeint sein

Verkürzte und undifferenzierte Debatte zum Bachelor-Abschluss schadet den Chancen der Absolventinnen und Absolventen auf dem Arbeitsmarkt – Umfrage des DIHK wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet

Ein Kommentar von Benjamin Peschke

Wieder wird der Bachelor-Abschluss in der breiten Öffentlichkeit diskutiert und pauschal abgewertet. Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften zeigen seit Jahren, dass sie mit ihrem Bachelor-Abschluss ein direktes Gegenmodell zu dem, in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ am 31. Mai gezeigten Beispiel eines Chemie-Studenten der Humboldt Universität Berlin, erfolgreich umgesetzt haben.

„Ich selber würde mich nicht einstellen.“

Mit diesem Satz beschreibt der Student in dem ZDF-Beitrag vom Sonntag die von ihm wahrgenommene Wertigkeit seines Bachelor-Abschlusses einer großen deutschen Universität auf dem Arbeitsmarkt. Dabei gilt es zu beachten, dass die Übergangsquoten in den Master und danach sogar direkt in eine Promotion in den universitären Studienfächern wie Chemie, Biologie oder Physik schon immer enorm hoch waren. Schon vor Bologna wurde in diesen Fächern landläufig von einem obligatorischen Doktortitel für den Berufseinstieg gesprochen (außer beim Lehramt) und anscheinend wurde die Chance, mit der Reform daran etwas zu ändern, nicht genutzt. Eine allgemeine Übertragbarkeit auf andere Fachbereiche und auf andere Hochschularten ist keinesfalls gegeben.

Die Wahrheit ist nämlich: Ein Großteil der universitären Bachelor-Studiengänge sind direkt auf einen Anschluss hin, meist sogar an der selben Universität entwickelt worden. Abhängig von Fachkultur und allgemeiner Bologna-Stimmungslage raten auch heute noch viele Professorinnen und Professoren der Universitäten generell davon ab nach dem Bachelor in den Beruf einzusteigen und die Hochschule oder gar die Hochschulart zu wechseln. Abhängig von Fach und Lage auf dem Arbeitsmarkt machen diese Ratschläge mehr oder weniger Sinn, sind aber Ausdruck einer falschen Umsetzung und eines bedenklichen Verständnisses der zweistufigen Studienstruktur nach Bologna.

Die Kultur an HAW, den Bachelor als vollwertigen akademischen Regelabschluss und als vollkommen geleichwertig zum früheren Diplom (FH) anzusehen ist damit nicht zu vergleichen. Deshalb sind die erneut konstatierten Pauschalurteile über die gesamte Abschlussart Bachelor falsch.

Ausschlaggebend für die neuerliche Diskussion ist eine gerade erst veröffentlichte, aber schon vor drei Wochen diskutierte Umfrage des DIHK unter 2000 Unternehmen in Deutschland, die auch in dem ZDF-Beitrag von DIHK-Präsident Eric Schweitzer erneut unter dem vor allem in Kammerkreisen verwendeten Stichwort „Überakademisierung“ zitiert wird. Lediglich 47 Prozent der Unternehmen würden in dieser Umfrage ihre allgemeinen Erwartungen an den Bachelor-Abschluss erfüllt sehen. Diese pauschalen Erwartungshaltungen der Unternehmen scheinen aber ein Teil des grundsätzlichen Problems zu sein.

Was wird also erwartet von einem 21-jährigen Hochschulabsolvent ohne echte Berufserfahrung, an HAW aber zumindest immer mit einer sechs-monatigen Praxisphase? Die Studie gibt Hinweise darauf, welche Kompetenzen für die Unternehmen unverzichtbar seien. Ganz oben auf der Liste stehen „Teamfähigkeit“, „Selbstständiges Arbeiten/Selbstmanagement“ und „Analyse- und Entscheidungsfähigkeit“. Natürlich können die Hochschulen an diesen Kompetenzen bereits im Studium feilen. Mit Projektarbeiten in studentischen Kleingruppen, mit Kursen zum Selbstmanagement, mit vielen Beispielen aus der realen Unternehmenspraxis. Alles Dinge, die gerade an HAW gang und gäbe sind, aber natürlich eine sehr gute Betreuungsrelation voraussetzen.

Aber zur Ehrlichkeit gehört auch: Sind das nicht Kompetenzen die man sich mit 20, 21, vielleicht 24 Jahren klassischerweise „on the job“ aneignet und war es bei der vorherigen Studierendengeneration dabei so viel anders bestellt? Nur eben damals meist erst im Alter 28 bis 32?

Eine Unterscheidung nach Hochschularten wurde in der Befragung leider genauso wenig vorgenommen, wie eine detaillierte, nach eigenen Angaben wegen zu geringer Fallzahlen, Auswertung nach einzelnen Bundesländern.

Die HAW in Baden-Württemberg widerlegen bereits seit 2008 mit ihrer jährlichen Absolventenstudie die Mär vom auf dem Arbeitsmarkt unbrauchbaren Bachelor-Absolvent. Warum allein würden sonst über 70 Prozent der HAW-Bachelor in BW direkt in den Beruf gehen? Warum würden ansonsten Unternehmen hohe Einstiegsgehälter bis zu 70000 Euro pro Jahr zahlen, die sich weitestgehend, zumindest beim Einstieg, kaum von den Gehältern der Master-Absolventen unterscheiden? Und warum ist eine große Mehrheit der Absolventen mit ihrem beruflichen Einstieg und ihrer beruflichen Situation genauso zufrieden wie die Diplom-Generation vor ihnen?

Die HAW hatten insgesamt und vor allem aus strukturellen Gründen weniger Probleme mit der Umstellung auf ein, in BW im Regelfall, um ein Semester verkürztes Regelstudium und sicherlich fällt den HAW-Absolventen insgesamt die Integration in den Arbeitsmarkt, allein wegen der Ausrichtung des Fächerspektrums an den Bedarf, immer schon dementsprechend leichter. Dafür muss man sich nicht entschuldigen und die Reaktionen von Arbeitgeberverband und VDMA in Baden-Württemberg auf die Bachelor-Schelte des DIHK zeigt, dass die Arbeitgeber den durch Pauschalurteile ausgelösten „Run“ auf Masterstudiengänge für die berufliche Praxis ebenfalls sehr kritisch sehen. Die Folge wäre nämlich genau das, was der DIHK augenscheinlich zu verhindern sucht: Eine echte „Überakademisierung“ im Hinblick auf einen, von den Anforderungsprofilen her, immer heterogener werdenden Arbeitsmarkt für Akademiker.